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Um die Auswirkungen internationaler Handelsabkommen auf die Schweizer Landwirtschaft zu beurteilen und zu quantifizieren, stützt sich das BLW auf Wirtschaftsmodelle für Ex-ante-Simulationen. Anhand solcher Modelle können ein breites Spektrum an bilateralen und multilateralen Abkommen sowie die Folgen von Veränderungen der Agrar- und Handelspolitik von Drittländern analysiert werden (z. B. Nicht-EU-Staaten). Hierzu arbeitet das BLW eng mit dem Forschungsbereich «Wettbewerbsfähigkeit und Systembewertung» von Agroscope zusammen.

Diese quantitativen Instrumente wurden von der internationalen Wissenschaftswelt anerkannt und von Marktexperten validiert. Ihre Ergebnisse sind qualitativ hochwertig und stärken die Schweizer Verhandlungsposition. 
Man darf jedoch nicht vergessen, dass die wirtschaftlichen Simulationsmodelle nur eine vereinfachte Wiedergabe der Realität bieten. Für die korrekte Interpretation der Ergebnisse ist es daher unerlässlich, die angewandten Methoden und ihre Grenzen gut zu kennen.

Im BLW werden derzeit zwei Marktmodelle verwendet: das Tariff Reduction Impact Model for Agriculture (TRIMAG) und das Common Agricultural Policy Regionalized Impact Model (CAPRI).

Das TRIMAG-Modell

TRIMAG wurde vom BLW entwickelt und wir nur hier eingesetzt. Dieses Modell bietet eine äusserst detaillierte Darstellung der Struktur der Schweizer Importe von Agrarprodukten und Lebensmitteln. Seine Datenbank umfasst Preise, Mengen und Handelspolitiken der Schweiz (Zollansätze, Importkontingente, Schwellenpreise für gewisse Futtergetreidesorten) sowie die entsprechenden internationalen Preise.

Im Zusammenhang mit internationalen Handelsverhandlungen wird TRIMAG als Entscheidungshilfe herangezogen, um die beste Marktzugangsstrategie zu eruieren. Basierend auf den erwarteten Auswirkungen auf die Schweizer Agrarpreise werden die verschiedenen Zollsenkungsoptionen analysiert und validiert.

Ausserdem können mit TRIMAG die über 2000 Tariflinien (z. B. «Fleisch von Tieren der Rindviehgattung (ohne Kalbfleisch), frisch oder gekühlt, ausgebeint, ausserhalb des Kontingents» oder «Cherry-Tomaten (Kirschentomaten), frisch oder gekühlt, vom 1. Mai bis 20. Oktober, ausserhalb des Kontingents») von rund 50 Agrarprodukten (z. B. «Fleisch von Tieren der Rindviehgattung» oder «Tomaten») aggregiert werden. Die für die Aggregation der Zölle entwickelte und verwendete Methodologie berücksichtigt Substitutionseffekte beim Konsum der verschiedenen Tariflinien, basierend auf den relativen Schwankungen der Inlandpreise. So kann eine grosse Menge an Informationen bezüglich der komplexen Grenzschutzpolitik der Schweiz synthetisiert werden, um sie schliesslich in Modellen zu verwenden, die die Funktionsweise der Weltmärkte darstellen, wie beispielsweise CAPRI.

Das CAPRI-Modell

CAPRI ist ein statisches partielles Gleichgewichtsmodell1 für den Agrarsektor, das von einem internationalen Netzwerk von Forschungsinstituten, koordiniert vom Institut für Lebensmittel- und Ressourcenökonomik der Universität Bonn (Deutschland), entwickelt wurde (www.capri-model.org). Seit über 15 Jahren wird CAPRI von Ministerien, Agenturen und Forschungsinstituten der EU und anderen Ländern eingesetzt, um die Auswirkungen der Agrar- und Handelspolitik (einschliesslich Umweltaspekte) zu analysieren. Die Schweiz ist seit 2011 im Modell explizit berücksichtigt; davor war sie Teil der Ländergruppe «Rest of Europe».

CAPRI beinhaltet ein Raummodell der Weltmärkte, in welchem für rund 80 Länder und 50 Agrarprodukte die Funktionen von Produktion, Konsum (aufgeteilt nach den Bestimmungen: zum menschlichen Verzehr, als Futtermittel und zur Verarbeitung), Import und Export sowie die wichtigsten innen- und handelspolitischen Massnahmen abgebildet sind. CAPRI verfolgt den sogenannten «Armington»-Ansatz, wodurch die Produkte nach ihrem Herkunftsland unterschieden und somit die bilateralen Handelsströme dargestellt werden können. Für die Schweiz wird der adäquaten Darstellung der Handelspolitiken mittels der aggregierten Zölle, die anhand des TRIMAG-Modells berechnet wurden, besondere Beachtung geschenkt.

Mit CAPRI können die erwarteten Auswirkungen einer innen- oder handelspolitischen Veränderung auf Gleichgewichtspreise, Produktion, Konsum und Handel für einen gegebenen Zeitpunkt in der Zukunft und bezüglich eines Referenzszenarios analysiert werden. In der Folge können die Auswirkungen auf die ökonomische Wohlfahrt der verschiedenen Akteure bei gleichen Bedingungen der übrigen Wirtschaft abgeleitet werden. Das Referenzszenario definiert sich als wahrscheinlichste Situation in der Zukunft, wenn keine Veränderungen an den bestehenden oder bereits beschlossenen politischen Massnahmen vorgenommen werden, und basiert auf weltweiten Prognosen von internationalen Institutionen wie der OSZE, der FAO und der EU. Seit 2014 liefert der Swiss Agricultural Outlook mittelfristige Prognosen zur Mengen- und Preisentwicklung der wichtigsten Schweizer Agrarprodukte. Diese Prognosen werden im CAPRI-Modell verwendet und punktuell aktualisiert.

CAPRI wird normalerweise für Ex-ante-Simulationen mit mittelfristigem Zeithorizont (in der Regel 10 – 15 Jahre) herangezogen. Da es sich um ein statisches Vergleichsmodell handelt, ist dies optimal und entspricht dem typischen Vollzugszeitraum von agrarpolitischen Massnahmen. 

Mit der Kombination von TRIMAG und CAPRI können die genauen Auswirkungen der verschiedenen möglichen Szenarien der internationalen Handelspolitik (TRIMAG) als Voraussetzung für die tatsächlichen Verhandlungen mit hoher Präzision reproduziert und getestet werden und zusätzlich die aggregierten Auswirkungen auf die weltweiten Agrarmärkte eruiert werden (CAPRI).

Die Ergebnisse von CAPRI werden später verwendet, um genauere Schlüsse zu ziehen bezüglich der Reaktion auf Ebene des landwirtschaftlichen Einzelbetriebs. Möglich wird dies dank der Einbindung des SWISSland-Modells (StrukturWandel InformationsSystem Schweiz), das von der Forschungsanstalt Agroscope entwickelt wurde und von dieser verwendet wird. Es handelt sich um ein rekursiv-dynamisches Multiagenten-Angebotsmodell, das das strategische Verhalten der einzelnen Landwirtschaftsbetriebe (Betriebswachstum, Ausübung eines Nebenerwerbs, Produktionsaufgabe) und somit des Sektors als Ganzes darstellt. So können Leistung und Struktur der Schweizer Landwirtschaft in alternativen agrarpolitischen Szenarien beurteilt werden. Die Grundlage von SWISSland bilden die 3300 Referenzbetriebe des Programms «Zentrale Auswertung von Buchhaltungsdaten» des Forschungsbereichs «Wettbewerbsfähigkeit und Systembewertung» von Agroscope.

Zusammengefasst erfolgt das Zusammenspiel der beiden Modelle CAPRI und SWISSland wie folgt:

  1. CAPRI simuliert die Auswirkungen der verschiedenen handelspolitischen Szenarien;

  2. die Veränderungen der Gleichgewichtspreise auf dem Binnenmarkt werden in das Modell SWISSland eingespiesen, das seinerseits die künftige Reaktion der landwirtschaftlichen Produktion der Schweiz simuliert. Die Kohärenz zwischen CAPRI und SWISSland wird über die Harmonisierung der Ausgangshypothesen und der Datenbanken sichergestellt.

Das internationale Handelsmodell CAPRI konnte kürzlich dank der engen Zusammenarbeit mit dem Forschungsbereich «Wettbewerbsfähigkeit und Systembewertung» von Agroscope technisch überarbeitet werden, um die Applikation noch spezifischer dem Schweizer Kontext anzupassen. Das CAPRI-Modell schliesst heute die explizite Modellierung der nach Produkt aggregierten Schweizer Agrarpolitik ein. Es ist neu möglich, internationale Handelspolitszenarien unter Berücksichtigung potenzieller Änderungen bei den nationalen Stützungsmassnahmen zu analysieren. Weitere Verbesserungen betreffen bestimmte Schlüsselparameter des Modells, wie die Elastizitäten von der Nachfrage zum Konsum und die Armington-Elastizitäten, die den Grad der Importstützung zwischen Produkten verschiedener Herkunftsländer darstellen. 

1 CAPRI ist ein partielles Gleichgewichtsmodell weil ausschliesslich die Auswirkungen einer wirtschaftlichen oder politischen Veränderung auf den Agrarsektor ausgewertet werden, wobei davon ausgegangen wird, dass die übrige Wirtschaft unverändert bleibt (Ceteris-paribus-Bedingungen). In den Industrieländern haben Veränderungen im Agrarsektor beschränkte Auswirkungen auf die restliche Wirtschaft. Somit ist CAPRI für Ex-ante-Wirkungsanalysen in der Schweizer Landwirtschaft gut geeignet.

Literatur

The Swiss payment for milk processed into cheese: ex post and ex ante analysis. Agricultural Economics 48 (4): 437 – 448. Robert Finger, Giulia Listorti, Axel Tonini, 2017. 

CAPRI model documentation 2014. Wolfgang Britz, Heinz Peter Witzke, 2014.

Analyse de l’impact sur le marché laitier du supplément pour le lait transformé en fromage. Recherche Agronomique Suisse 5 (5): 212 – 215. Giulia Listorti, Axel Tonini, 2014.

How to Implement WTO Scenarios in Simulation Models: Linking the TRIMAG Tariff Aggregation Tool to Capri. 135th EAAE Seminar, Belgrade, Serbia, 28 – 30 August. Giulia Listorti, Axel Tonini, Markus Kempen, Marcel Adenäuer, 2013.

Evaluating existing policy flexibilities in WTO agricultural negotiations: different criteria for the selection of sensitive products. 122nd EAAE Seminar, Ancona, Italy, 17 – 18 February. Giulia Listorti, Markus Kempen, Jean Girardin, Tim Kränzlein, 2011.

Do price uncertainties affect the use of policy flexibilities? The selection of sensitive products in WTO agricultural negotiations. EAAE 2011 Congress, Zurich, Switzerland. August 30 to September 2. Giulia Listorti, Markus Kempen, Jean Girardin, Tim Kränzlein, 2011.

Reciproca apertura settoriale del mercato con l’UE per tutti i prodotti lattieri, rapporto del Consiglio federale, 14 maggio 2014.

Axel Tonini, BLW, Fachbereich Handelsbeziehungen, axel.tonini@blw.admin.ch

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